Zu viel Transparenz schadet

BSKI-Vorstand Dr. Hans-Walter Borries im Gespräch mit der „WELT“

 

Nach dem Brandanschlag auf das Stromnetz im Berliner Südwesten kehrt langsam Normalität zurück: Supermärkte sind geöffnet, das Mobilfunknetz funktioniert, die Fernwärmeversorgung läuft wieder. Doch mit dem Ende des akuten Ausnahmezustands berichtet die „WELT“ in ihrem Artikel vom 8. Januar und stellt die Frage in den Mittelpunkt: Wie lassen sich derartige Angriffe in Zukunft verhindern?

Nach Einschätzung von Dr. Hans-Walter Borries, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands für den Schutz Kritischer Infrastruktur (BSKI), ist es weniger ein technisches als ein rechtliches Problem. Zwar gehöre das deutsche Stromnetz zu den sichersten weltweit, mit durchschnittlichen Ausfallzeiten von nur wenigen Minuten im Jahr. Doch auf neue Bedrohungen wie hybride Angriffe, Terrorismus und extreme Wetterereignisse sei die Infrastruktur nicht ausreichend vorbereitet. Schutz- und Überwachungssysteme fehlten vielerorts.

Vor allem aber kritisiert Borries die weitreichenden Transparenzpflichten. Gesetzliche Vorgaben zwingen Netzbetreiber dazu, sensible Informationen öffentlich zugänglich zu machen. Auf frei verfügbaren digitalen Karten lasse sich der Verlauf der Stromleitungen nahezu zentimetergenau nachvollziehen – inklusive besonders verwundbarer Übergänge zwischen Erd- und Freilandleitungen. Mit entsprechendem Sachverstand sei es Angreifern möglich, gezielt Schwachstellen auszukundschaften.

Borries warnt vor den Folgen: Sollten mehrere Ballungsräume gleichzeitig attackiert werden, könnten Einsatzkräfte und Versorger schnell an ihre Grenzen stoßen. Nötig seien daher nicht nur bessere Sicherungssysteme, sondern auch echte Redundanzen und eine höhere Widerstandsfähigkeit der Netze. „Deutschland muss umdenken“, fordert Borries und bd ergänzt: „Wir sollten uns an der Ukraine orientieren, die ihre Stromversorgung trotz permanenter Angriffe immer wieder in kurzer Zeit stabilisiert!“. Borries und der BSKI rufen deshalb zu einem Versorgungsgipfel mit Beteiligung von Politik, Wirtschaft und Verwaltung auf.